Vom Getränkehersteller zum Ressourcenlieferant

Wie realisiert das vierzig-grösste Unternehmen der Welt Zirkularität? Die Brauereigruppe Anheuser-Busch InBev (AB InBev) nutzt bisher ungenutzte Überreste aus der Bierproduktion sinnvoll weiter und gewinnt neue Ressourcen. Wir haben mit Giacomo Cattaneo, Manager Global Value Creation bei Anheuser-Busch InBev, darüber gesprochen, wie sein Team mit dieser Menge an wertvollen, aber lange vernachlässigten Inhaltsstoffen umgeht.

Vorgehen

Bier wird seit Jahrhunderten gebraut. Dabei bleibt eine große Menge an Getreidemasse übrig. Dieser sogenannte Treber besteht aus den Rückständen des Braumalzes und ist reich an Proteinen und Fasern. Über die Zeit wurde der anfallende Treber vielfältig eingesetzt: zum Beispiel als Beigabe zu Broten oder als Paniermehl. Sehr häufig findet er auch Verwendung als Futtermittel für Schweine und Rinder. Bei AB InBev fallen global pro Jahr 1,2 Mio. Tonnen Treber an. 2015 haben sie ein Projekt initiiert, um neue Möglichkeiten für den Einsatz dieser Ressource zu prüfen. In einem internen Accelerator wurde schliesslich ‘canvas’ entwickelt. ‘canvas’ ist ein Getränk, vergleichbar mit einem Smoothie, wird als Health-Food vermarktet und besteht zu einem Teil aus Biertreber. Für die Entwicklung des Getränks hat AB InBev ein iteratives Vorgehen gewählt: Sie haben einen Rahmen für Experimente definiert, man könnte sagen einen Versuchsballon steigen lassen. Damit konnten sie den neuen Inhaltsstoff auf die internen Prozesse abstimmen und die Rückmeldung des Marktes testen. Das Produkt hält sich heute erfolgreich im Markt und erfüllt somit sowohl ökologische als auch ökonomische Kriterien. Mit diesem Getränk lassen sich jedoch längst nicht alle Getreidereste verwerten. Deshalb suchte das Unternehmen nach neuen Wegen, das vorhandene und geprüfte Potenzial weiter auszuschöpfen.

AB InBev will nun zusätzlich den B2B-Markt erschließen. An Stelle eines konsumfertigen Produkts werden aus der Biertreber nun zwei Inhaltsstoffe – Proteine und Fasern – gewonnen. Diese eignen sich auch zur Weiterverarbeitung durch die Lebensmittelindustrie, wie zum Beispiel in Backwaren, Snacks oder Burger Patties. Durch die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten eröffnet sich ein neuer Markt mit dem Potenzial, die gesamte Menge an Treber möglichst sinnvoll zu verwerten. Dieser neue Ansatz hat InBev jedoch auch vor neue Herausforderungen gestellt.

Herausforderungen

Mit dem Vertrieb der Proteine und Fasern aus dem Biertreber ist AB InBev neuerdings nicht mehr nur ein Getränkeproduzent, sondern auch ein Lieferant von Lebensmittelzutaten. Damit wird das gesamte bisherige Geschäftsmodell des Unternehmens auf den Kopf gestellt. Laut Cattaneo ist dieser überraschende neue Ansatz jedoch der Hauptgrund für das wachsende Interesse der Lebensmittelindustrie an ihren Produkten. Er ermöglicht bisher undenkbare Partnerschaften.

AB InBev muss sich im neuen Markt jedoch erst behaupten. Dafür muss das Unternehmen eine Übersicht der Akteure erarbeiten, eine neue Brandpräsenz aufbauen sowie über Startups und lokale KMU einen ersten Einstieg in den Markt gewinnen. Dabei hilft ihnen die Bekanntheit als qualitativer und zuverlässiger Bierproduzent. Trotzdem ist vieles neu: neue Produkte, neue Herstellungsprozesse, neue Verkaufskanäle und ein neues Kundennetz. Um den Aufbau des neuen Geschäftszweigs zu festigen und mit Ressourcen zu unterstützen, muss sich auch die Organisation selbst verändern. Durch agiles und kundenorientiertes Vorgehen erhofft sich Cattaneo, den Veränderungsprozess Schritt für Schritt zu gehen und mit den gemachten Erfolgen zu untermauern.

Nächste Schritte

Zurzeit werden erste Partner mit Testmengen beliefert. Die Partner integrieren die neuen Zutaten dann in ihre Produktionskette und lassen erste Produktlinien testen. In der zweiten Jahreshälfte wird das Angebot von AB InBev offiziell lanciert und weiter skaliert.

Kontakt

Giacomo Cattaneo, Manager Global Value Creation Anheuser-Busch InBev
Giacomo.Cattaneo@ab-inbev.com

Bildreferenz
Westland Distillery Seattle, WA USA

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