Circular Construction Quarterly

Die Entwicklungen reichen von der Schweizer Beschaffungspraxis über neue Urban-Mining-Strukturen in New York bis zu Investitionen in CO₂-arme Bindemittel und digital nachverfolgbare Holzbauteile in Europa. Gemeinsam zeigen sie: Zirkuläres Bauen wird zunehmend nicht mehr nur als Nachhaltigkeitsstrategie verstanden, sondern als Frage der Versorgungssicherheit, der Werthaltigkeit von Immobilien und der Wettbewerbsfähigkeit der Bauwirtschaft. Für Entscheider:innen verschiebt sich damit die zentrale Frage: nicht mehr, ob Circular Construction relevant wird – sondern wie früh sie in Beschaffung, Planung und Finanzierung integriert wird.

1. Nachhaltigkeit wird in öffentlichen Ausschreibungen häufiger berücksichtigt

Was ist passiert?

Der Ende August veröffentlichte Vergabemonitor der Schweizer Bauwirtschaft von bauenschweiz zeigt: Nachhaltigkeitskriterien spielen in der öffentlichen Beschaffung eine zunehmend wichtige Rolle. Im gleitenden Jahresmittel stieg der Anteil der Ausschreibungen mit Nachhaltigkeitskriterien gegenüber dem Vorjahr von 47,6 auf 52,7 Prozent. Damit werden Nachhaltigkeitskriterien inzwischen nahezu ebenso häufig berücksichtigt wie allgemeine Qualitätskriterien. Bauenschweiz, 27. August 2026

Warum ist das relevant?

Öffentliche Ausschreibungen beeinflussen, welche Kompetenzen und Lösungen im Markt nachgefragt werden und sich wirtschaftlich durchsetzen können. Entscheidend ist deshalb nicht nur, dass Nachhaltigkeit als Kriterium genannt wird, sondern wie konkret, verbindlich und überprüfbar sie in Anforderungen und Zuschlagskriterien übersetzt werden.

Nachhaltigkeit wird im Vergabemonitor als übergeordneter Indikator erfasst. Die Ausschreibungsunterlagen selber werden nicht untersucht. Es lässt sich daher nicht ableiten, ob und wie häufig konkrete Anforderungen an Lebenszyklusanalysen, kreislauffähige Konstruktionen, Sekundärmaterialien oder Wiederverwendung gestellt werden.

Einordnung von Circular Hub

Die steigende Gewichtung von Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Marktsignal – ihre Wirkung hängt jedoch von der Qualität der Kriterien ab. Allgemeine Nachhaltigkeitsformulierungen verändern noch keine Materialströme. Ausschreibungen müssen messbare Anforderungen an Bestandserhalt, Rückbaubarkeit, Reuse-Anteile, graue Emissionen und die Dokumentation von Materialien enthalten. Erst dann wird aus einem Zuschlagskriterium ein Steuerungsinstrument für Circular Construction.

2. New York investiert in die fehlende Infrastruktur der Wiederverwendung

Was ist passiert?

Die New York City Economic Development Corporation treibt den Aufbau eines Circular Construction Reuse Hub in Sunset Park voran. Die geplante Einrichtung soll zurückgewonnene Baumaterialien erfassen, aufbereiten, lagern und wieder in den Markt bringen.

Damit setzt die Stadt eine zentrale Empfehlung ihres Embodied Carbon Action Plan um. Neben der Reduktion von Treibhausgasemissionen soll der Hub regionale Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze schaffen. AIA New York, August 2026

Warum ist das relevant?

Wiederverwendung scheitert selten am grundsätzlichen Interesse. Häufig fehlen Flächen, Zwischenlager, Qualitätsprüfungen, verlässliche Bestandsdaten und ein professionelles Matching zwischen Rückbau- und Neubauprojekten. Genau diese Lücke adressiert der Hub.

Die Initiative zeigt zudem eine neue Rolle der öffentlichen Hand: Sie beschränkt sich nicht auf Vorgaben, sondern schafft die Infrastruktur, ohne die ein regionaler Markt für gebrauchte Bauteile kaum skalieren kann.

Einordnung von Circular Hub

Der New Yorker Hub adressiert mit Re-Use eine konkrete Stufe der Kreislaufwirtschaft: die Wiederverwendung ganzer Bauteile vor dem stofflichen Recycling. Noch höher zu gewichten sind der Erhalt und die Weiternutzung bestehender Gebäude und Bauteile. Damit alle Optionen systematisch geprüft werden können, braucht es bereits in Planung und Materialwahl messbare Kriterien für Langlebigkeit, Anpassungsfähigkeit, Rückbaubarkeit und Wiederverwendung. Eine Grundlage dafür schafft das Projekt «Zirkularität messbar machen» von C33 Schweizer Koordinationsstelle für zirkuläres Bauen.

3. Urban Mining erweitert sich von Gebäuden auf ganze Infrastruktursysteme

Was ist passiert?

Eine Ende Juli vorgestellte Untersuchung der Empa richtet den Blick auf fossile Infrastrukturen als künftige Rohstoffquelle. Mit dem Umbau des Energiesystems werden Pipelines, Förderanlagen, Kraftwerke und weitere technische Einrichtungen teilweise überflüssig. In ihnen sind erhebliche Mengen an Metallen gebunden.

Besonders relevant sind Stahl und Kupfer: Beide werden für Stromnetze, erneuerbare Energien und neue Energieinfrastrukturen benötigt. Die stillzulegenden Anlagen könnten deshalb einen Teil des steigenden Rohstoffbedarfs decken, sofern Rückbau und Materialgewinnung strategisch koordiniert werden. Empa, 28. Juli 2026

Warum ist das relevant?

Urban Mining wird häufig auf einzelne Gebäude und Bauteile reduziert. Die Untersuchung erweitert die Perspektive auf grossmassstäbliche Materiallager, die durch strukturelle Veränderungen in Wirtschaft und Infrastruktur verfügbar werden.

Für die Bau- und Immobilienwirtschaft ist dies auch deshalb bedeutsam, weil sie bei Stahl und Kupfer mit Energie-, Mobilitäts- und Digitalisierungsprojekten um dieselben Ressourcen konkurriert. Sekundärmaterialien werden damit von einer ökologischen Option zu einem Element der Versorgungssicherheit.

Einordnung von Circular Hub

Materialdaten entfalten ihren Wert erst, wenn sie in strategische Entscheidungen und organisationsübergreifende Prozesse eingebunden werden. Dafür müssen Immobilien-, Infrastruktur- und Energiedaten zusammengeführt sowie Rückbaumengen, Materialqualitäten und Zeitfenster frühzeitig berücksichtigt werden. Wie Organisationen solche Grundlagen schrittweise aufbauen und in ihren Kernprozessen verankern können, zeigt unser Transformationspaper.

Digitale Rückverfolgbarkeit wird Teil der regionalen Wertschöpfung

Was ist passiert?

Das europäische Projekt VALORLEGNO erprobt in der italienischen Region Veneto eine zirkuläre Wertschöpfungskette für Holz. Im Zentrum stehen die Wiedergewinnung regionaler Holzressourcen, digitale Rückverfolgbarkeit und reversible Konstruktionen.

Die einzelnen Ansätze sind nicht neu. Relevant ist ihre Verknüpfung: Materialherkunft, Verarbeitung, Einsatz und spätere Demontage werden als zusammenhängendes System betrachtet. Damit soll Holz nicht nur als erneuerbarer Baustoff eingesetzt, sondern über mehrere Nutzungszyklen auf möglichst hoher Wertstufe gehalten werden. European Circular Economy Stakeholder Platform, 25. August 2026

Warum ist das relevant?

Ein hoher Anteil biobasierter Materialien macht ein Gebäude nicht automatisch kreislauffähig. Verklebte Konstruktionen, fehlende Bauteildaten oder nicht dokumentierte Behandlungen können eine spätere Wiederverwendung verhindern.

Digitale Rückverfolgbarkeit schafft hier eine Verbindung zwischen Herkunftsnachweis, technischer Qualität und zukünftiger Verwertbarkeit. Sie wird damit nicht nur für ESG-Berichte, sondern für Haftung, Wertermittlung und Anschlussnutzung relevant.

Einordnung von Circular Hub

Digitale Rückverfolgbarkeit schafft die Datengrundlage – doch Daten allein verändern noch keine Entscheidungen. Damit Materialinformationen in Planung und Umsetzung wirksam werden, müssen sie verständlich, anwendungsbezogen und im richtigen Moment verfügbar sein. Hier setzt die von C33 geplante Dynamische Wissensplattformmit dem KI-gestütztenCircular Construction Impact Navigator an: Sie soll vorhandenes Wissen in konkrete Entscheidungshilfen für den Arbeitsalltag übersetzen.

Quellen

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