Von der Masterclass zur Unternehmensgründung
Gastbeitrag von Chris Häner – zuerst veröffentlicht im IWB-Magazin «Klimadreh».
Zirkuläre Strategien entstehen oft dort, wo Wissen auf konkrete Anwendung trifft. Genau das zeigt die Geschichte von Olivier Ferilli, Innovationsentwickler bei IWB.
Olivier nahm im vergangenen Jahr an der Circular Hub Masterclass «Zirkularität im Bau- und Immobiliensektor»teil. Dort lernte er Strategien, Methoden und praktische Ansätze der Kreislaufwirtschaft kennen – und begann unmittelbar darüber nachzudenken, wie sich diese Prinzipien in realen Projekten umsetzen lassen.
Eine dieser Ideen entwickelte sich bei IWB zu einem besonderen Experiment:Was passiert, wenn man Jugendlichen die Verantwortung für ein eigenes Start-up überträgt – und ihnen gleichzeitig die Aufgabe gibt, aus ausrangierten Infrastrukturelementen ein neues Produkt zu entwickeln?
Aus dieser Fragestellung entstand ein Projekt, das später in die Gründung von reClaire mündete. Dabei wurden ausgediente Basler Strassenleuchten zu einzigartigen Designobjekten weiterentwickelt – umgesetzt von Lernenden, die nicht nur ein Produkt entwickelten, sondern auch ein Geschäftsmodell aufbauten.
Der folgende Beitrag gibt einen Einblick in dieses Projekt und zeigt, wie aus einem Impuls zur Kreislaufwirtschaft ein unternehmerisches Experiment wurde.
Die vollständige Version des Artikels findet ihr im IWB-Magazin «Klimadreh»:
https://www.iwb.ch/klimadreh/magazin-uebersicht/wenn-jugendliche-ein-start-up-gruenden
Vom Ersatz zur unternehmerischen Plattform
Im Rahmen der Umrüstung der öffentlichen Beleuchtung auf LED ersetzt IWB zwischen 2025 und 2028 rund 13'500 Strassenleuchten. 2400 davon – vom optisch eleganten Typ «Metro 45» – sind technisch noch intakt. Die entscheidende Frage lautete nicht: Was machen wir mit dem Abfall? Sondern: Was könnte daraus noch entstehen, um Ressourcen zu schonen und die Kreislaufwirtschaft zu fördern?
Diese Beobachtung brachte ein Mitarbeiter über das interne Ideentool von IWB ein. Kein Auftrag, kein Budgetentscheid, kein Business Case. Nur ein Impuls. Doch statt die Idee klassisch zu bewerten, traf IWB einen mutigen Entscheid: Die Lernenden gründen ein «Start-up» basierend auf dem Kreislaufwirtschaftsgedanken – mit allem, was dazugehört.
Begeisterung entsteht durch echte Verantwortung
Im November 2024 fand der erste Workshop im Pumpwerk Lange Erlen statt. 24 Lernende entwickelten Ideen: Waschbecken im Retrostyle, Pflanzenschalen mit App-Steuerung, Stehlampen mit LED-Technologie. Die Teilnahme war freiwillig und das Ergebnis beeindruckend: 15 Lernende wollten weitermachen.
Wer beim Projekt «Metro» mitarbeitete, tat dies nicht aufgrund einer Funktion, sondern aus intrinsischer Motivation. Am zweiten Workshop Ende Januar 2025 konkretisierten drei Gruppen ihre Ideen mit einem Lean Canvas und präsentierten vor 20 Mitarbeitenden im Liberium «Innovation Space». Dies war die erste Iteration mit potenziellen Kunden – echtes unternehmerisches Lernen.
Der schwierigste Teil: Fokussieren und loslassen
Nach der Feedback-Runde entschieden sich die Lernenden für die Stehlampe. Die Vision: Upcycling von alten Basler Strassenlampen zu einzigartigen Designobjekten. Handgefertigt von Lernenden und einem Schild, das den Strassennamen und die GPS-Koordinaten des früheren Standorts zeigt. Ein direkter Bezug zur Geschichte der Stadt.
Im Juni 2025 folgte der Prototypenbau. Die Lernenden durften selbst wählen, in welcher Form sie das Projekt unterstützen: in der Leitung und Planung des Start-ups oder in Rollen wie Design, Konstruktion, Fertigung, Verkauf oder Marketing. Im November folgten zwei weitere Bautage. Der entscheidende Test kam bei Regent Lighting: Erst mit einem Prüfzertifikat darf die Lampe das CE-Label tragen und verkauft werden. Die Lampe wurde elektrisch, so wie auch mechanisch inkl. Standfestigkeit auf Herz und Nieren geprüft.
Von der Begleitung zur Selbstständigkeit
Während des gesamten Prozesses wurden die Lernenden von Olivier Ferilli, Innovationsentwickler bei IWB, und einem Team aus Experten begleitet. Struktur geben, Reflexion einfordern, Entscheidungen unterstützen ohne Lösungen vorzugeben. Seit April 2025 läuft die kontinuierliche Übergabe der Verantwortung vom Kernteam zum Start-up der Lernenden: «reClaire» entstand.
Beim Weihnachtsanlass der IWB im Dezember 2025 präsentierte reClaire das Projekt vor allen Mitarbeitenden. Sie haben die Bühne gerockt. Tosender Applaus war der Lohn für die ausserordentliche Arbeit. Ein Wettbewerb um die erste Lampe rundete die Präsentation ab.
Foto von Johnson Hung auf Unsplash



